Stolpersteine

Amüsantes,Frivoles,Kindermund,Kurzweiliges, zum Relaxen

Ein Nachmittag im Park



 Das Wetter drei Tage vor Ostern war außergewöhnlich sonnig und warm. Es schien, als wäre es für diesen Anlass extra so bestellt. Die Vögel zwitscherten fröhlich in den Bäumen. Auf den grünen Rasenflächen blühte buntes Meer aus Krokussen. Doch darauf achtete Olaf nicht. Er hatte Wichtigeres im Kopf.
 Unruhig ging der kleine, korpulente Mann an der Bronze Statue auf und ab. Immer wieder sah er auf die Armbanduhr, die ihm seine Mutter zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. Das war erst vier Monate her. Mit jeder Minute, die verging, wurde er nervöser.
„Ob sie wohl kommt?,“ fragte er sich. Sie hatte es ihm fest versprochen. Er sah wieder auf die Uhr. Die Zeit verging einfach nicht. Sekunden wurden zu Minuten und Minuten zu Stunden. Und wieder waren erst zwei Minuten vergangen.
Sechs Monate hatten sie sich regelmäßig geschrieben, ohne dass ihnen der Stoff ausging. Nun war es aber soweit. Sie wollten sich zum ersten Mal treffen, einander in die Augen sehen, miteinander reden, die ersten Berührungen austauschen. Olaf war nervös, wie ein Primaner beim ersten Rendezvous. Seine Hände waren feucht und er rauchte, ohne es zu merken, eine Zigarette nach der anderen.
Wie sie aussah, wusste er. Ihrem fünften Brief hatte sie ein Foto von sich beigelegt. Ihr Aussehen, war nicht das, was man im Allgemeinen eine Mannequinfigur nannte. Ihre Figur war vollschlank und ihre Hüften etwas zu breit. Doch das störte Olaf nicht. Als er das Foto zum ersten Mal sah, fielen ihm ihre gütigen, rehbraunen Augen auf. Sie sah ihm vom Foto tief in sein Herz hinein. Auf diesen Moment hatte er solange gewartet, doch seine Hoffnung schwand seine Hoffnung, dass sie doch noch kam.
Die Passanten, die an ihm vorbeieilten, sahen ihn teils neidisch, teils misstrauisch an. Andere warfen ihm höhnische Bemerkungen zu. Olaf hörte gar nicht hin. Ihm war alles egal, wenn sie nur käme.
Anja saß in ihrem schneeweißen VW Polo wie auf Kohlen. Sie war spät dran. Heute wollte sie sich zum ersten Mal mit Olaf treffen und kam nicht vorwärts. Sie dachte daran, dass sie sich mit ihren einunddreißig Jahren schon mit mehreren Männern getroffen. Doch diesmal war es irgendwie anders, fand sie. Olaf hatte eine so zarte, einfühlsame Art Briefe zu schreiben, auch die Art umnd Weise wie er, war voller Gefühl und Wärme. Dieses Treffen wollte sie auf keinen Fall verpassen. Ihre Nervosität stieg. Sie konnte es sich selbst nicht erklären. Die Vorfreude wuchs mit jeder Minute, doch irgendjemand schien ihr diese Freude nicht zu gönnen. Zuerst sprang das blöde Auto nicht an. Blöde war ihr Lieblingswort, wenn irgendetwas nicht nach ihrem Willen ging. Dann dieser Unfall. Der Verkehr wurde umgeleitet. Und nun das. Sie fand keinen Parkplatz. Fluchend umrundete sie immer wieder den Parkplatz. Endlich fuhr jemand los und sie konnte hineinschlüpfen.
Anja hastete mit weit ausholenden Schritten den mit Betonplatten ausgelegten Hauptgehweg entlang. „Hoffentlich komme ich noch rechtzeitig“, brabbelte sie immer wieder vor sich hin.
„Sie hat dich versetzt. Das ist nicht nett von ihr,“ sagte er enttäuscht zu sich.
Er war gerade im Begriff zu gehen, da sah er sie kommen. Sein Herz machte einen schmerzhaften Sprung vor Freude. Mit strahlenden Augen, wie ein Kind, das zum ersten Mal den Weihnachtsmann sieht, sah er ihr entgegen. Die Blumen in seiner feuchten Hand schienen sich noch einmal anzustrengen, um für Anja, noch schöner zu sein.
Anja kam den Plattenweg entlang gehastet und sah sich dabei suchend um. „Hoffentlich ist Olaf noch da“, dachte sie. „Diese blöden Parkplätze, wenn man einen braucht, ist keiner frei.“ Nun wurden ihre Schritte langsamer. Enttäuscht blieb sie stehen. „Er ist schon weg“, sagte sie enttäuscht zu sich. Dann sah sie ihn stehen, mit dem versprochenen Blumenstrauß in der Hand. Zögernd ging sie auf Olaf zu. Sie sah ihn unsicher an und fragte mit ihrer herben, rauchigen Stimme: „Guten Tag, Olaf. Du bist doch Olaf, oder?”
Anja trug einen beigefarbenen Faltenrock. Dazu eine weite zartgelbe Bluse und eine braune Jacke, die ihre fülligen Formen nur wenig kaschierte. Sie liebte hautenge Kleider, trotz ihrer Figur. Die flachen hellbraunen Schuhe rundeten das Bild ab.
Ihr rundes Gesicht war noch schöner, als Olaf es von Fotos in Erinnerung hatte. Ein Foto konnte diesen Ausdruck in ihren Augen nicht annähernd wiedergeben, fand Olaf. Er starrte sie an wie ein hypnotisiertes Kaninchen die Schlange. Er konnte sich von dem Anblick nicht losreißen. Betont wurden sie durch lange, dunkle Wimpern, die er auf den Fotos gar nicht bemerkt hatte. war neu und gab ihr etwas Gelehrtes.
Anja spielte nervös mit ihrem Schlüsselbund. Hastig steckte sie es weg und reichte Olaf die Hand.
Olaf hatte einen dicken Klos im Hals. Er konnte nur nicken.
„Tut mir leid,” sagte sie mitfühlend, „dass du so lange warten musstest. Ich konnte einfach keinen Parkplatz finden.”
Olaf war immer noch sprachlos. Er wusste nicht, was er nun tun sollte. Dann fielen ihm die Blumen ein, die er immer noch in der Hand hielt. Wortlos und mit hochrotem Kopf schoss seine Faust mit dem Blumenstrauß nach vorne.
Anja hatte damit nicht gerechnet und trat erschrocken einen Schritt zurück. Beschämt von seiner Tollpatschigkeit sah Olaf mit immer noch hochrotem Kopf zu Boden. Es war das erste Mal, dass er sich nach vierunddreißig Jahren mit einer Frau traf. Um genau zu sein: es war überhaupt das erste Mal. Sie sah noch besser aus, als er sie sich vorgestellt hatte. Olaf fand, dass der Blumenstrauß gegen Anjas Schönheit verblasste.
„Ma... Ma...Macht nichts,” stotterte er verwirrt. „Schön, dass du da bist.“
Eine ganze Weile standen sie Wortlos da. In ihren Briefen wussten sie immer etwas zu erzählen, doch jetzt da sie sich gegenüber standen, fehlten ihnen die Worte. Stumm sahen sich an. Plötzlich ging ein Ruck durch Olafs Körper. Ihm fiel ein, dass wer ja einen Tisch hatte reservieren lassen. „Was hältst du davon, wenn wir etwas essen gehen? Du musst ja von der langen Fahrt hungrig sein.”
So hungrig war sie eigentlich nicht und so lang waren die fünfzehn Kilometer hierher auch nicht. „Das ist eine gute Idee”, strahlte Anja, ohne Olaf dabei aus den Augen zu lassen. Seine Tollpatschigkeit fand sie rührend. Dass sie sich ebenso ungeschickt anstellte, bemerkte sie nicht und Olaf auch nicht. „Ich sterbe fast vor Hunger.”
„Gut,” schlug Olaf vor. Er hatte dieses erste Treffen seit acht Tagen geplant. Er wollte, dass es ein besonderer Tag wird. „Im Park steht ein gemütliches Restaurant mit einer großen Terrasse. Die Küche dort ist exquisit.” Olaf fand den Ausdruck exquisit toll und freute jedes Mal, wenn er diese Bezeichnung anbringen konnte. Er hatte so etwas Vornehmes, fand er.
Olaf wurde noch unsicherer, als er es ohnehin schon war. Er wusste nicht, sollte er ihren Arm fassen und zum Lokal führen? Schnell verwarf er diesen Gedanken. Das geht nicht, fand er. Das sieht aus, als wäre sie meine Gefangene. Insgeheim schüttelte er mit dem Kopf. Oder sollte er die Hände in die Hosentasche schieben und einfach neben ihr her gehen. Noch blöder, entschied er. Wenn er nur wüsste, wie er sich richtig verhalten sollte. Bei diesem ersten Treffen wollte er nicht gleich alles verderben. Zumal er extra zu diesem Anlass seinen besten Anzug aus dem Schrank geholt hatte. Der hatte zwar schon ein paar Jahre auf dem Buckel, doch er sah immer noch gut aus. Zwar war er um die Hüfte etwas zu eng geworden, doch das fiel nicht sonderlich auf, fand Olaf. Anja hatte ihm die Entscheidung inzwischen abgenommen und sich einfach bei ihm untergehakt.
Als Anja neben Olaf durch den frühlingshaften Park ging, schmunzelte sie in sich hinein. Ihr fiel wieder ein, wie unbeholfen und tollpatschig Olaf sich angestellt hatte, als er ihr die Blumen überreichte. Sie fand seine Unbeholfenheit liebenswert. Zusammen stolzierten sie in Richtung Restaurant. Plötzlich war alle Scheu von ihm abgefallen. Olaf plapperte nun munter darauf los. Er war in seinem Element. Olaf erzählte Anja die Geschichte der Stadt und die Entstehung des Parks. Er war der perfekte Reiseführer. Sie bogen in einen Seitenweg ab, um den Weg zum Restaurant etwas abzukürzen. Leise knirschte nun der frisch geharkte Sand unter ihren Füßen. Anja fand sehr schnell vertrauen zu Olaf. Es kam selten vor, dass Anja sich von jemanden so sehr beeindrucken ließ und war überrascht über sich selber. Es schien ihr, als kenne sie ihn schon lange. Auf den Grünflächen spielten lautstark Kinder, die mit den Hunden der Eltern herumtollten.
Das Restaurant lag auf einem kleinen Hügel am Rande der größten Rasenfläche des Parks. Olaf hatte dort einen Tisch reserviert. Obwohl es ihm niemand beigebracht hatte, wusste Olaf sich wie ein Kavalier der alten Schule zu benehmen. Zwar hatte er keine Erfahrungen mit Frauen, doch er hatte sich viele Filme im Fernsehen angesehen und hatte sich dabei den Umgang mit dem weiblichen Geschlecht abgeschaut. Mutter hatte es ihm nicht beigebracht. Sie sagte immer, wenn es soweit ist, mein Junge, dann wirst du wissen, was -zutun ist und sie hatte recht behalten. Von hier aus hatten sie einen herrlichen Blick über den Park. Der Kellner brachte die Weinkarte. Nachdem der bestellte Wein gebracht worden war, stießen sie auf ihr Treffen an.
Als das Schnitzel mit Salzkartoffeln und Rosenkohl kam, sah Anja Olaf überrascht an. Olaf musste es vorbestellt haben, stellte Anja fest. Sie saßen lange dort und unterhielten sich alle möglichen Sachen.
„Eigentlich wollte ich gar nicht auf das Inserat antworten“, wechselte Olaf abrupt das Thema und sah in das Glas, das er mit beiden Händen umklammert hielt. Eigentlich wollte er dieses Thema heute gar nicht ansprechen, doch irgendwie platzte es aus ihm heraus. „Doch irgendwie hatte diese Anzeige etwas Magisches. Es war wie ein Zwang, der mich immer wieder zu ihr zurückkehren ließ. Es hat lange gedauert, bis ich mich überwunden habe, darauf zu antworten. Auf eine Antwort von dir habe ich zwar gehofft, doch überhaupt nicht damit gerechnet. Wie kommt eigentlich eine so reizvolle Frau, wie du dazu eine Kontaktanzeige zu schalten?“
„Ach weißt du“, begann Anja offen. „In meinem Beruf als Sekretärin bin ich sehr angespannt und privat habe ich auch nicht viele Möglichkeiten, jemanden kennenzulernen. Da kam meine Freundin Bea auf die Idee, es doch einmal auf diesem Wege zu versuchen. Ich hatte große Hemmungen, diesen Schritt zu tun, darum hat Bea die Anzeige für mich aufgesetzt. Alleine hätte ich es nicht gemacht.“
„Deiner Freundin müsste man einen Orden verleihen“, lächelte Olaf verschmitzt. „Ohne sie hätten wir uns sicher nie kennengelernt.“ Olaf legte wie zufällig seine Hand auf die ihre. Anja bemerkte, wie zärtlich diese Berührung war und sah Olaf in die Augen.
Nach dem Essen wechselten auf die Terrasse.  yysaßen hier, bis es ihnen allmählich zu kühl wurde und schlenderten Hand in Hand durch den Park, wie zwei und tollten wie Kinder auf dem noch jungen Rasen. Für beide wurde es ein unvergessener Tag.
Als sie sich auf einer Bank vom toben ausruhten Anja plötzlich: „Jetzt verstehe ich, warum du gerade dieses Lokal ausgesucht hast“, schwärmte Anja. „Es ist traumhaft schön hier. Diesen Park kenne ich natürlich. Schließlich arbeitete ich in der Nähe. Doch so wie heute habe ich ihn noch nie gesehen. Miteinander genossen den Sonnenuntergang. Die Sonne hatte ihre Kraft verloren. Die Bäume schlossen langsam ihre zarten Knospen und blinzelten schüchtern in die untergehende Sonne. Rosenbeete in den Anlagen hatten sich für den Sommer hergerichtet. Stolz präsentieren sie schüchtern ihre ersten Triebe. In den Bäumen ertönte das Trillern, Zwitschern und Tschilpen einer bunten Vogelschar war inzwischen verstummt. Am Rande des Parks, lag idyllisch, der Rest einer Burg aus der Gründerzeit.
„Sehen wir uns wieder?“, fragte Olaf beim Abschied.
Als Antwort sah Anja ihm lächelnd in die Augen.